«Hunde geben uns die Nähe zur Natur zurück»

Warum machen Hunde den Menschen glücklich? Wo entstehen die meisten Missverständnisse – und was können wir von ihnen lernen? Das schildern die Hundephysiotherapeutin Susanne Steiger und die Verhaltenstherapeutin Pamela Ott im Gespräch.

Frau Steiger, vor dreieinhalb Jahren haben Sie Frau Ott als Verhaltenstherapeutin in Ihren Praxisbetrieb einbezogen. Warum halten wir heute noch Hunde?

Susanne Steiger: Ich vermute, dass der zunehmende Mangel an Emotionalität in unserer Gesellschaft, die Leere und all die Feindseligkeiten dazu führen, dass wir sie öfter mit Tieren ausleben. Wir empfinden Glück mit Tieren, weil sie unsere ach so menschlichen Eitelkeiten ansprechen: Ein Hund interessiert sich bedingungslos dafür, wie es mir geht. Ob nun ein Überlebensprinzip dahintersteht oder nicht – es schmeichelt mir.

Pamela Ott: Unser Verhältnis zu Hunden hat sich grundlegend geändert. Wir haben uns vom Hund als Arbeitstier auf der Jagd, beim Hüten oder Bewachen entfernt – und so auch ein Stück von der Natur. Diese Nähe zur Natur gibt der Hund uns zurück. Er passt sich unseren Lebensumständen an, geht mit uns durchs Leben. Diese bedingungslose Bindung macht uns glücklich.

«Wir empfinden Glück mit Tieren, weil sie unsere menschlichen Eitelkeiten ansprechen»

Hunde sind fundamental von uns Menschen abhängig. Steht auch ein Machtinteresse hinter unseren Glücksgefühlen?

Steiger: Das erlebe ich nicht so. Vielmehr dürfen wir für Hunde Verantwortung übernehmen, wir dürfen uns kümmern und eine partnerschaftliche Beziehung pflegen und erhalten Dankbarkeit zurück. Das führt teils so weit, dass Hunde den Mitmenschen vorgezogen werden.

Ott: Natürlich gibt es Menschen, die keine emotionale Bindung zum Hund aufbauen möchten und den Hund nicht als Familienmitglied mit eigenen Bedürfnissen betrachten. Ich persönlich finde dies sehr schade, da wir durch eine partnerschaftliche Mensch-Hund-Beziehung – also durch Vertrauen, Aufrichtigkeit und Stabilität – eine neue Lebensqualität erhalten.

«Manche Leute ziehen Hunde den Mitmenschen sogar vor»

Sie sagen, die grosse Bedeutung des Hundes als Familienmitglied entstand aus einer gesellschaftlichen Verarmung. Was meinen Sie, fehlt uns?

Ott: Da ist zunächst die überall herrschende Anonymität. Wir kennen unsere Nachbarschaft kaum mehr, selbst wenn wir zehn Jahre am selben Ort leben. So können wir unser Bedürfnis nach Kommunikation nicht mehr ausleben – ein Hund kann dies aufbrechen. Mit ihm erleben wir Neues und Spannendes abseits des Leistungsdrucks, und wir haben immer ein Gesprächsthema.

Steiger: Dazu kommt der Zeitfaktor, der soziale Druck, den die Leute im Geschäft haben, die Atemlosigkeit. Ein Hund entschleunigt da massiv, er zwingt uns, rauszugehen. «Entschleunigung» ist ein solches Modewort geworden und meint eigentlich: Wir sehnen uns nach Achtsamkeit und Ruhe – und nach Absichtlosigkeit.

«Ein Hund entschleunigt einen massiv»

Doch es ist auch möglich, dass die Chemie zwischen Hund und Halter, Halterin nicht stimmt. Woran liegt das?

Ott: Oft liegt es an falschen Erwartungen an den Hund. Man entscheidet sich aus optischen Gründen für einen Hund, übersieht dabei aber die Eigenschaften, die er mitbringt. Ein zweiter wichtiger Grund sind Missverständnisse zwischen Hund und Halter. Oft werden normale Verhaltensweisen des Hundes wie zum Beispiel Jagdverhalten oder Revierverteidigung für den Besitzer zum Problem. Hunde haben ein schwieriges Umfeld in der Schweiz: Lärm, Jogger, Velofahrer, Inlineskater. Damit der Hund mit diesen Anforderungen umgehen kann, braucht er viel Hilfe von uns Menschen.

Steiger: Hinter manchen Hunden liegen mehrere Halterwechsel, manchmal lange Transporte aus dem Ausland oder schlechte Erfahrungen mit uns Zweibeinern. Oft gibt es aber auch Missverständnisse, etwa wenn der Hund ein gesundheitliches Problem hat, dazu gehören auch psychosomatische sowie als auch körperliche Schmerzen. Bei manchen Rassen liegt die Schmerzgrenze höher, sodass es dauern kann, bis die effektive Ursache für eine Verhaltensveränderung erkannt wird.

Ott: Das ist dann der Moment, in dem ich als Verhaltenstherapeutin darauf angewiesen bin, mit einer Physiotherapeutin zusammenzuarbeiten: Sobald ich den Verdacht auf körperliche Schmerzen habe.

«Hunde haben ein schwieriges Umfeld in der Schweiz»

Pamela Ott (links) arbeitet unter anderem mit Hunden, die an der Leine ziehen.

Der neun Wochen alte Viszla-Welpe hat in der Therapie mit Susanne Steiger (links) und Pamela Ott sichtlich Spass. 

Chihuahua Ditty auf der Trainingsmatte.

Schäferhund Carlo ist Steigers Begleiter

Auf den Stufen wird der Umgang mit ungewohnter Bodenbeschaffenheit geübt.

Frau Steiger, Sie bieten nebst Klassischer Physiotherapie auch Osteopathie, Massagen, Hydrotherapie und Atemtherapie an. Wie gehen Sie in einem solchen Fall vor?

Steiger: Von meinem Werdegang her ist mir ein ganzheitliches Bild wichtig. Körper, Geist und Seele gehört für mich klar zusammen. Ich frage also danach, was die Halterin oder der Halter mit dem Hund macht, wie viel sie sich bewegen, wie sie sich ernähren, all das. Darin sieht man schon sehr viel. Aber man muss auch nicht alles therapieren – Hunde haben schliesslich auch eine Form der Selbstheilung.

Ott: In der Verhaltenstherapie kommt es immer mal wieder vor, dass wir das Blutbild anschauen. Das hat deshalb Einzug gehalten, weil Hormone erwiesenermassen Verhaltensproblematiken begünstigen können.

«Körper, Geist und Seele gehört für mich klar zusammen»

Eine letzte Frage noch: Was können wir von Hunden lernen?

Ott: Hunde lernen sehr schnell, unsere Sprache zu lesen – viel schneller als umgekehrt. Da müssen wir offener sein, unsere Beobachtungsgabe schulen: Was möchte mein Hund mir mitteilen? Und: Anerkennung und Respekt. Zu registrieren, dass andere Menschen um mich sind, denen es nicht hilft, wenn ich mit Scheuklappen durch die Welt renne. Das ist mit ein Grund, warum Hunde für alte Menschen eine besondere Relevanz haben.

Steiger: Dem kann ich nur beipflichten. Das, und eine unmittelbare Ehrlichkeit und Anstand. Wenn ich sehe, mit welchen körpersprachlichen Finessen ein gesunder Hund auf einen anderen zugeht, ist das unglaublich. Wir verletzten konstant individuelle Grenzen unserer Mitmenschen; das würde ein Hund nie tun.

«Wenn ich sehe, mit welchen körpersprachlichen Finessen ein gesunder Hund auf einen anderen zugeht, ist das unglaublich.»

Interview: Sharon Saameli
Bilder: Balz Murer
Realisation: Marco Huwyler

Interview: Sharon Saameli
Bilder: Balz Murer
Realisation: Marco Huwyler

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